Kinder geben uns Anstöße und nehmen uns in die Pflicht
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In Madrid hörten die Kinder der Ventilla-Gruppe von Tapori (dem Kinderzweig der Bewegung ATD Vierte Welt) ihre Mütter lebhaft miteinander reden. Sie unterhielten sich über die Europäische Sozialcharta (eine Konvention der 47 Staaten des Europarates, die soziale Rechte und Freiheiten in den Bereichen Wohnen, Gesundheit,  Erziehung, Beschäftigung, Reisefreiheit, Nicht-Diskriminierung, Schutz gegen Armut und Ausgrenzung festschreibt). Aber was ist diese Charta? Die Kinder beschlossen, mehr darüber herauszufinden. Es ist nicht leicht, einen Text zu verstehen, der für Erwachsene geschrieben ist, aber sie beschlossen, nicht aufzugeben: wenn man die Rechte nicht kennt, wie kann man sie dann aufrechterhalten?

Nach und nach nahmen sie wahr, dass gewisse Rechte in ihrer Nachbarschaft nicht respektiert wurden, z.B. der Schutz vor Armut und sozialer Ausgrenzung, oder Verfahren, um Zwangsräumungen zu begrenzen. Daher beschlossen die Kinder, als Reporter auf die Straßen zu gehen, um die Sozialcharta bekannt zu machen und die Leute zu befragen, wie in ihrer Nachbarschaft wichtige Rechte eingehalten oder nicht eingehalten würden.

Tapori-Gruppen in aller Welt haben die gleiche Idee aufgegriffen: Kinder denken über die Rechte nach, die bei ihnen gelten. In ihrem Stadtviertel oder ihrem Dorf sind sie auf die Straße gegangen und haben dann Zeitungsartikel, Radiosendungen etc. erstellt. Die Kinder wurden zu „Rechte-Reportern“, weil sie sagen: „Wenn die Erwachsenen bei uns ihre Rechte nicht kennen – wie können sie dann auf uns aufpassen?“

Wunderbare Kinder, die uns wachrufen. In ihrer Energie zeigt sich eine reiche Vorstellungskraft, ein unstillbarer Hunger nach Wissen, ein grosser Mut, wenn sie zusammenstehen, und ein starker Sinn für Gerechtigkeit. Zugleich wissen sie um ihre Zerbrechlichkeit und ihre Abhängigkeit von den Erwachsenen. Sie wollen nicht nur Rechte für sich selbst, sondern sie wollen, dass die Erwachsenen ihre Rechte kennen und sich gemeinsam für deren Umsetzung einsetzen.

Heute steht die Welt vor großen Herausforderungen, durch die besonders Kinder gefährdet sind: der  Klimawandel, die bedrohte Artenvielfalt, Kriege, extreme Armut,... Die Internationale Kinderrechtskonvention, deren 30-jähriges Bestehen wir dieses Jahr feiern, hat die wichtigsten Bedürfnisse der Kinder aufgezeigt. Kinder drängen uns, diese Herausforderungen mit ihren Rechten zu verknüpfen, sie ernst zu nehmen und auf ihre Stimme zu hören, indem wir zulassen, dass sie uns Fragen stellen, indem wir ihrer Forderung nach einer gerechten Welt nachkommen. Sie zeigen uns den Weg in ihre Zukunft. Folgen wir Ihnen!

Isabelle Pypaert Perrin, General-Delegierte,
Internationale Bewegung ATD Vierte Welt