Leitartikel: ein ehrgeiziges, mutiges und innovatives Projekt!
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Letter to Friends around the World # 104

Überall auf der Welt entwickeln Frauen, Männer und Kinder einen unglaublichen Mut und Einfallsreichtum, um unter extrem schwierigen Umständen ihr Leben zu gestalten. Ist uns bewusst, dass diese hinter "Mauern der Armut" lebenden Menschen sich sehr wohl mit der übrigen Welt auseinandersetzen? Traut man ihnen Intelligenz und Reflexionsfähigkeit zu, die Fähigkeit zur Entwicklung von Projekten, von politischen Massnahmen, für das Zusammenleben, um die heutigen Herausforderungen der Menschheit anzugehen?

Joseph Wresinski hat nicht nachgelassen, uns stets darauf hinzuweisen, dass von Armut betroffene Menschen unverzichtbare Partner in unserer Auseinandersetzung mit der Zukunft sind. Ihr Beitrag ist unersetzbar und unsere partizipative Forschung "Die verborgenen Dimensionen der Armut", die von ATD Vierte Welt in Zusammenarbeit mit der Universität von Oxford erstellt wurde, zeigt es eindrücklich.

Ihre Teilnahme an dieser Forschungsarbeit, deren anspruchsvolle Methode konsequent das universitäre Wissen mit dem der Praktiker*innen gleichsetzt, erlaubte es, die Dimensionen der Armut zu benennen und sichtbar zu machen. Sie gehen weit über die monetäre Problematik hinaus, es sind Bereiche, denen bis anhin in den politischen Programmen der Armutsbekämpfung viel zu wenig Rechnung getragen wurde. Aus diesem Grund erreichten die politischen Massnahmen ihr Ziel bisher nicht und erst recht nicht die von extremer Armut betroffenen Menschen, was deren noch grössere Einsamkeit und Not zur Folge hat.

Diese Untersuchung benennt das Leiden, das den Körper, den Geist und die Seele derer schädigt, die täglicher Not ausgesetzt sind. Die Recherche zeigt die Hindernisse in der Ausrottung der Armut auf und weist auf ein Paradox hin: Menschen in Armut sind immer am Kämpfen, doch ihr Ausgeschlossensein verhindert, dass ihr Widerstand und Kampf die Gesellschaft als Ganzes erreicht und jene gesamtgesellschaftlichen Veränderungen hervorbringt, die sie für ihre Kinder und die kommenden Generationen anstreben. Dies verfolgt sie Tag und Nacht: "Werden unsere Kinder die Früchte unserer Anstrengungen ernten oder wird es ihnen gleich ergehen wie uns?" fragte mich eine Mutter aus der demokratischen Republik Kongo.

Diese fundamentale Ungerechtigkeit zu beenden, setzt voraus, dass die Armut in all ihren Dimensionen erfasst wird und dass gemeinsam mit denen, die sie erleiden, gedacht und gehandelt wird. So werden wir zusammen mit ihnen die Herausforderung angehen, die ihr ganzes Leben beherrscht: das Elend für sich und alle Menschen abzulehnen.

Isabelle Pypaert-Perrin, Generaldelegierte der internationalen Bewegung ATD Vierte Welt